Es geschah am hellichten Tag…

Du kommst aus der Stadt raus, um deine alte Mutter im Heim auf dem Lande zu besuchen…

Alles scheint in Ordnung zu sein. Man kümmmert sich um die alten Damen und fährt dann nicht direkt auf dem üblichen Weg zurück nach Hause. Ein kleiner Weg mit zwei Betonspuren, in der Mitte Gras, lockt:

„Komm, fahr doch mal diesen Weg. Dahinten, hinter den Koppeln, ist ein Wald. Sieht es nicht nett aus? Mach doch mal einen kleinen Umweg…“

Plötzlich rollt dein Golf über die Betonspur. Du hörst das Rauschen des Grases unter dem Getriebekasten. Eben schien noch die Sonne, plötzlich blauschwarze Wolken, Gegrummel hinter den Wolken, Wetterleuchten.

Dann der Schock – links, auf freiem Feld, dieses Gesicht. Der Ausdruck ist neutral. Soll das eine Einladung sein? Oder eine Warnung? Eine Rückkehr ist nicht möglich. Neben dem Weg, auf beiden Seiten, ein mooriger Graben, in dem schwarzes Wasser mit schillernd bläulicher Oberfläche wabert. Eine scharfe Linkskurve. Der Wagen kommt abrupt zum Stehen. Ein Reflex deines Bremsbeins, weil dieser Doppelgalgen wie aus dem Nichts auftaucht.

Was du in der letzten Nacht schweißüberstömt geträumt hast, hat sich hier materialisiert. Die drei Gehängten, die in der Nacht noch mit leichter Bewegung baumelten, sind aber nicht mehr da. Aber, ihr werdet es nicht glauben, die überdeutlich geträumten Fratzen der Gehängten kehren in der schrundigen Rinde dieser drei Bäume wieder. Ihr könnt es nicht sehen. Aber ich bin gezwungen, jeden der Bäume zu erkennen, bevor ich mich mit Grausen abwende. Stolpernd verlasse ich den Golf und haste unter den beiden Galgen hindurch auf die andere Seite. Nach vielleicht hundert Metern, die ich blind vor Angst zurücklege, drehe ich mich um und sehe rechter Hand das Haus des Henkers. Dieser aussätzige Verfemte lebt nicht mehr in der menschlichen Gemeinschaft. Er verlässt sein fensterloses Haus nur noch in mondlosen Nächten und waltet dann seines Amtes. Wie in der letzten Nacht.

In dem Haus, das atemlose Minuten später zwischen spinnwebartigen Ästen auftaucht, wohnt der Richter mit seinem Gesinde. Hier fällt er seine gnadenlosen, aber gerechten Urteile in einziger und letzter Instanz. Die Galgenanlage ist immer gut ausgelastet.

Ich kann es nicht länger ertragen, lasse alle Bedenken beiseite und schwinge mich auf das Pferd, das auf der dämmerigen Wiese auf mich zu warten scheint. Sattel- und zügellos bringt mich die Stute zu meinem Golf zurück.

Der Albtraum hat ein Ende.

Die Sonne bricht durch die Wolken. Eine harmlose, gerade, asphaltierte Straße bringt mich zurück in die Stadt.

2 Gedanken zu „Es geschah am hellichten Tag…“

  1. …hat sich köstlich amüsiert – und das bei so einem Angsttraum, Ihre Story liest sich aber auch wieder prima! War Django etwa auch am sehenswerten Rest vom alten Eider-Kanal? Verpaßt habe ich ihn mal in der Sierra Alhamilla – bei mittags 18°C und Nieselregen, bei kurz vorher noch 42°C um Mitternacht, aber da hätte ich auch nicht von/m Galgen träumen mögen. Herr Tams, einmal mehr muß ich Ihnen danken für das Vergnügen, auf Ihren Seiten stöbern zu können!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.