11. September 2001

Ich machte meine Fitness-Runde auf Inlinern. Alles war ruhig und friedlich am Hindenburgufer in Kiel an der Förde. Bei „meinem“ Kiosk stellte ich mich an das Fenster, hinter dem „Uwe“ wie üblich mir das Jever ausgehändigt hätte. Er stand aber vor einem kleinen PC-Monitor, den ich auch sehen konnte. Zu sehen waren die beiden bereits getroffenen Türme. Es dauerte, bis ich glaubte, was ich dort sah.
Zu Hause angekommen, fand ich Frau und Tochter beim Plaudern im Wohnzimmer. Der Fernseher war aus. Sie wussten noch nichts.
Das waren die äußeren Umstände, das Andere kann ich nicht wiedergeben.

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5 Gedanken zu „11. September 2001“

  1. Ich habe damals einen Rucksack gepackt und Leitungswasser in Flaschen abgefüllt. Ein vollkommen bescheuerter Versuch, sich für eine mögliche Katastrophe zu wappnen, die Kontrolle zu behalten in einer unkontrollierbaren Welt.

    Irgendwie ist das ein Grundgefühl bei mir, daß er eines Tages kommen wird, der Zusammenbruch. Und immer wieder mein Bedürfnis, zu lernen, lernen, lernen. Wie baut man einen Pflug. Wie macht man Käse. Melken kann ich schon und mit Pferden umgehen.

    Bei Doris Lessing (schon wieder!), „The Memoirs of a Survivor“, kommt der Zusammenbruch langsam, schleichend. Alles wird einfach immer schlechter, weniger Jobs, eine Krise nach der anderen, unregelmäßige Energieversorgung usw. Gänsehaut erzeugend realistisch.

    Dann komme ich mir wieder lächerlich vor, mit meinen düsteren Zukunftsvisionen, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

  2. Wenn ein Mensch aus der „Guten alten Zeit“ jetzt plötzlich die Tagesschau sehen müsste, würde er denken, dass die Menschheit kurz vor dem Untergang steht. In fünfzehn Minuten Sendezeit kann nur noch eine Auswahl der schrecklichsten Meldungen untergebracht werden. In die Abteilung „Heiteres und Sport“ wird dann noch etwas Beliebiges gestopft, damit die Leute das nächste Mal wieder einschalten bzw. nicht dem Trübsinn verfallen.

  3. Das mit dem Untergang der Menscheit ist immer so eine Sache. Jemand sagte mal, dass die „Humans“ am Ende es immer wieder fertig bringen sich selbst aus der Misere zu ziehen. Bis der Planet Erde in 5 Milliarden Jahren sowieso explodiert.

    Aber schlechte Nachrichten hat es immer gegeben. Menschen ziehen schlechte Nachrichten an. Menschen machen schlechte Nachrichten. Menschen wollen schlechte Nachrichten. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten weil sie das Abendprogramm füllen. Ich wäre froh wenn es die Tagesschau hier gebe. Wenn die Nachrichten auf das Wesentliche reduziert werden könnten. Der Unsinn neben den schlechten Nachrichten, der in den Nachrichtensendungen verzapft wird um die Stunde zu füllen ist meistens so offensichtlich fliessbandproduziert, und damit das Volk nur paralysiert, verängstigt, verunsichert und gefährlicherweise polarisiert.

    Sollen die Leute doch trübe werden, oder depressiv. Vielleicht erwächst daraus ja ein Undenken. Eine Revolution.

  4. Ich bin wie jeden Morgen mit der U-Bahn „L“ zum Union Square gefahren, bin dort auf die Linie „9“ umgestiegen, und öffnete die Tür zum Designbüro auf der 85zigsten Strasse um 8:45 AM. Der Tag, wie so oft in New York, war von strahlender Reinheit. Keine Wolke. Nur blauer Himmel. „Hemdwetter“. Nicht zu kalt, nicht zu warm. Ich habe mir eine Tasse Tee gemacht und mich dann mit den Getränk und einem Muffin vor dem Computer niedergelassen. Meine morgendliche Nachrichtenlektüre ist Spiegel Online, oder Sponline, wie so manche sagen. Wie andere ihre New York Times lesen, lese ich Spiegel Online. Neben dem was hier so los ist, lese ich auch was woanders los ist, das heisst, im Rest der Welt.

    Der erste Artikel den ich sah hatte die Überschrift “ Das World Trade Center brennt“. Daneben das Bild mit der Rauchfahne vom ersten Turm. Eine Kollegin hatte auch gerade ihren Computer angemacht, und ich rollte mit meinem Stuhl um die Ecke and berichtete, was ich gelesen hatte. Von da an überschlugen sich die Ereignisse – wie wir alle wissen. Um 10:05AM haben wir dann alle vor dem Fernseher gekauert, einige in Tränen aufgelöst, andere und ich stumm und sprachlos – und innerlich ein zerfetztes Netz von Gefühlen. Wir hatten Kinder im Raum – der 6 jährige Sohn meiner damaligen Arbeitgeberin und seine etwa gleichaltrige Freundin. Hin-und-her gerissen zwischen dem Gefühlssturm der Erwachsenen und die abstrakten TV Bilder, drehten sie sich um sich selbst – weinend – um nach Menschlichem halt zu suchen.

    Wie nach Hause kommen, war die Frage. Meine Frau war zu Hause, aber ich konnte sie nicht erreichen, weil die Telefone ausgefallen waren. Ich wusste nicht, das sie am East River sass, und von Brooklyn aus zusah, wie die Türme kollabierten. So bin ich noch ein paar Stunden im Büro geblieben, bis wir herausgefunden haben, das die U-Bahnen bis zur 14th Strasse fahren würden, und nicht weiter. Von dort aus konnte ich die U-Bahn nach Brooklyn nehmen. Aber zu dem Zeitpunkt die U-Bahn nehmen? Es blieb mir dann doch nichts anderes übrig. Als ich das Büro verliess, sah ich viele Leute auf der Strasse die in Richtung Uptown gingen. Viele mit weissen Staub auf den Anzügen und Kleidern, und verloren wirkend. Die wollten die U-Bahn auch nicht nehmen und haben sich entschieden, zu Fuss von dem wegzugehen was sie erlebt hatten.

    Am frühen Abend dann sind wir nochmal zum Fluss gegangen und haben die Rauchwolken beobachtet. Die Luft war erfüllt mit einem säuerlichen Geruch. Die Menschen in unserer Nachbarschaft hatten brennende Kerzen vor ihre Türen gestellt. Es war eine sehr sehr ruhige Nacht. Keine fahrenden Autos auf der Strasse. Keine Agressionen in einer ansonsten agressiven Umgebung. Ein Zusammenhalt von uns allen Überlebenden war spürbar. Das hat sich dann nach einigen Wochen auch wieder ergeben.

    Die Schwester meiner Frau hat zwei Strassenzüge vom WTC entfernt in ihrem Büro die Attacke gesehen, und war Zeuge wie Menschen sich nicht anders zu helfen wussten als zu springen. Wie soll man das verarbeiten?

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