Zu spät…

Meine Mutter, 84 Jahre alt, war schon immer, zumindest solange ihre beiden Kinder sich erinnern können, eine Frau ohne Selbstbewusstsein.

Wir Amateurpsychologen führten das auf die Dominanz unseres Vaters zurück, der immer geantwortet hatte, wenn meine Mutter gefragt wurde. Auch nach seinem Tod vor zwei Jahren, entwickelte sich bei meiner Mutter kein neues Ich.

Kürzlich, als Tante I. und Onkel E. wie üblich zum Geburtstagskaffeetrinken dabei waren, lieferte mir Tante I. eine neue Erklärung:

„Wäre Deine Mutter man damals zum BDM gegangen, dann wäre alles anders geworden…“

Meine Mutter wollte aber damals nicht zum BDM. Ich habe sie gefragt.

4 Gedanken zu „Zu spät…“

  1. Das finde ich hochinteressant! Ist Deine Mutter noch fit genug, Dir mehr darueber zu erzaehlen? Und was meinen Onkel und Tante genau? Dass der BDM gut fuers Selbstbewusstsein war? Nicht unbedingt. Es gibt ein paar ganz interessante Buecher zu dem Thema. Es sind immer nur wenige Menschen, die die innere Staerke haben, dem Gruppensog zu widerstehen. Das sollte eigentlich anders mit dem Selbstbewusstsein korreliert sein als Deine Onkel und Tante meinen. Ich hoffe, Du hast Deiner Mutter gesagt, wie stolz Ihr auf sie seid, dass sie sich nicht hat verfuehren lassen von etwas, das so harmlos, schoen und verlockend war! Hoer mal, da muss ich mehr drueber hoeren, ich erforsche diese ganze Zeit und besonders die Sozialisation von Maedchen… entschuldige meine Neugier, aber Deine Mutter floesst mir Respekt ein! Wir koennen heute leicht sagen, „da waer ich NIE hingegangen“, aber wer dabei war und wirklich nicht hingegangen IST, der kann stolz sein!

  2. Zwischenbescheid:
    Wir werden meine Mutter zu Pfingsten besuchen. Ich nehme mir vor, sie zu dem Thema ‚BDM‘ zu befragen. Meine Mutter wurde übrigens nicht nur von ihrem Mann dominiert, sondern auch von ihrer Mutter. Meine Oma war nicht nur dominant, sondern auch eigensinnig. Sie soll sich abfällig geäußert haben und den ‚Führer‘ als ‚Maler‘ oder so ähnlich bezeichnet haben. Mein Opa soll daraufhin in seiner Eigenschaft als Haushaltungsvorstand vor einem Bonzen vorgeladen worden sein, um zu erklären, dass seine Frau wohl nicht so ganz durchblickt.
    Mein Vater, als Sprachrohr meiner Mutter, meinte, dass die „Sache noch mal gutgegangen“ war.
    Meine Oma war für mich zwar eine gute Oma aber keine Frau, die Weisheiten weiter geben konnte. Ihre Einschätzung der Politik war kategorisch ablehnend und total undifferenziert.
    Sie hat im Krieg ihren über alles geliebten Sohn verloren. Ihre Trauer war für alle Zeiten in Beton gegossen.

  3. Und Deine Mutter hat also ihren Bruder im Krieg verloren? Ich spekuliere mal, von ähnlichen Konstellationen, die ich gut kenne, ausgehend. Als Mädchen war sie sowieso nicht die Nummer 1, oder? Und wer kann mit einem toten Heldenbruder konkurrieren? Deine arme Mutter, kann ich nur sagen. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, wie gut Du ihr zuhören mußt. Was sie Dir erzählen kann, kannst Du von niemand anders erfahren. Ich möchte gern mehr über Deine Mutter erfahren! Die Frauen ihrer Generation haben Schicksale, die man sich kaum noch vorstellen kann.

  4. Es ist nicht leicht, von meiner Mutter aus dieser Zeit noch etwas zu erfahren. Mit dem BDM ist es so gewesen, dass sie einige Male bei Veranstaltungen dabei war. Als sie dann aber meinen Vater kennenlernte, ist sie nicht mehr hingegangen. Das schien möglich gewesen zu sein. Bei Kriegsbeginn (da war meine Mutter 18) wurde schnell geheiratet, was offenbar auch standesamtlich beim Pastor zu dieser Zeit möglich war. Mein Vater geriet bei Kriegsende in französische Gefangenschaft und kehrte 1946 zurück. 1941 und 1944 wurden meine Schwester und ich geboren. Meine Mutter hatte bis dahin nie die elterliche Wohnung verlassen. Das Regiment führten also die Eltern. Ihre Mutter soll über den Führer bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit geschimpft haben. Als ihr Sohn (Jahrgang 1919) fiel, soll sie so krank geworden sein, dass sie beinahe in die ‚Anstalt‘ gekommen wäre. Unsere Familie lebte noch bis 1953 mit Oma und Opa unter einem Dach. Meine Vater war Malergeselle und suchte in dieser Zeit vergeblich nach einer Wohnung. Erst 1953 gelang es, durch eine Tauschaktion mit einer ‚vertriebenen‘ Familie den widrigen Verhältnissen zu entfliehen. Ich als männlicher Nachkomme hatte bei meinen Großeltern immer die besten Karten. Hoffentlich hat es mir nicht zu sehr geschadet.
    So, das sind also die ’nackten‘ Daten. Tiefere Erkenntnisse und Meinungen sind von meiner Mutter leider nicht zu erwarten. Das liegt z.T. an altersbedingten Ausfallerscheinungen aber auch daran, dass sie keine ‚Meinungen‘ hat. Es ist schwierig mit ihr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.