Gedanken und Erinnerungen…

…ist der Titel der Memoiren des berühmten eisernen Kanzlers.

Ich habe die beiden Bände, dunkelblau eingebunden und goldbedruckt, im Regal stehen.

Neben all den staatstragenden Taten breitet Bismarck auch Privates vor dem staunenden Leser aus. Zwischen den Zeilen, das lässt sich erahnen, gibt es ein Liebesleben, und nicht nur ein legitimes. Die historische Wissenschaft kann diese Pikanterien bestätigen.

Da will ich nun mal nicht so sein, und schon mal aus meinen noch nicht gedruckt vorliegenden Memoiren, dieses kleine Detail vorab veröffentlichen:

Da war noch ein Mädchen, das ich als aufblühender Knabe verehrte und doch nie kennen lernte. Sie tummelte sich ausgelassen mit anderen, sie verfolgenden Jungs im Luisenbad. Ein hübsches, fröhliches Mädchen mit deutlich sichtbaren Reizen. Auch wenn ich ihren Namen nie erfuhr, wusste ich doch, dass sie in der Schubystrasse, noch hinter dem Wasserturm, wohnte.

Viel viel später, da war ich schon das erste Mal Vater, hatte ich bei einem Besuch in Schleswig den Auftrag, ein Grippemittel in der Apotheke am Wasserturm in der Schubystrasse zu kaufen. Da stand eine junge Frau hinter dem Verkaufstresen und strahlte mich an. Es durchzuckte mich wie ein Blitz. Wir erkannten uns. Erstmalig sprachen wir miteinander. Möglicherweise sagte sie: „Die Packung Paracetamol kostet Zweimarkfünfzig“.

Es ging mir sehr nahe.

17 Gedanken zu „Gedanken und Erinnerungen…“

  1. ..das muss verfilmt werden. Echter Zündstoff für „verbotene Liebe“. Was hätte aus diesem zarten Pflänzchen noch alles werden können. Womöglich hättet ihr irgendwann gegenseitig Fieber oder gar Blutdruck gemessen. Nicht auszudenken!

  2. Ich bin überwältigt, sprachlos und gleichermaßen vom Blitz getroffen ob dieser unvergleichlich eindringlich und meisterlich vollendeten Schilderung einer unerfüllten Liebe. Hier verschmelzen kindliche Unschuld und flammendes Begehren zu einer unwiderstehlichen Mischung, die selbst dem gefühlskältesten Zyniker das Hirn aus dem Schädel bläst. Wahre Erzählkunst, eines echten Dichters würdig.

    Aus biologischen Gründen wird es mir nicht vergönnt sein, das Erscheinen Ihrer Memoiren bejubeln zu dürfen. Bitte lassen Sie mich nicht so sterben, erfüllen Sie mir den Wunsch nach dem Vorabdruck der einen oder anderen Episode. Vergeltsgott!

  3. Ja, lieber Neo-Bazi, der Dichter in mir ist sicherlich ein eitler Mensch und würde sich gar zu gern in dem überschwänglich gezollten Lob suhlen.

    Leider gewinnt nun doch der Realist in mir die Oberhand und erkennt, dass das flammende Begehren nicht aus meinen kargen Worten spricht, sondern sich offensichtlich in der Seele des lesenden Neo-Bazi entzündet, in dessen Vergangenheit so manches angelegt ist, das all zu leicht bei dem geringsten Anlass entflammt.

    Auch wenn es profan klingt, so gilt doch hier der Spruch: „Je öller je döller“.

  4. @Uwe: Verzeih bitte das versehentlich fehlende ’s‘. Ich habe nachgebessert, um nachfolgende Leser nicht in die Irre zu führen. Du gehörst offenbar zu der Sorte Mensch, die sich nicht mehr an die Irrungen und Wirrungen der Jugendzeit erinnern. Wenn Du das nächste Mal im CT bist, frage bitte den Arzt, ob Dein Herz aus Stein ist.

  5. @wuestenfloh: Mein Herz aus Stein? Ganz gewiß nicht. Wie kann ich den ersten zarten Kuss jener leibreizenden jungen Knospe vergessen, den ich im zarten Kindesalter von 6 Jahren auf dem staubigen Dachboden, nahe der dampfenden Waschküche, aus der kernseifige Gerüche herüberwehten, weil Waschtag war, erhielt und ich nicht begreifen konnte, warum meine kurze Hose mir mit einem Mal nicht mehr so recht passen wollte …

  6. Bitte verzeihen Sie, meine Herren, ich habe versäumt, den traumhaft milieusicheren Stil des Herrn Uwe gebührend zu würdigen.

    Eines Zille uneingeschränkt ebenbürtig!

    Und all das im kalten Kiel, wo mir eine herzlose Dame in der „Waldwiese“ seinerzeit ein schroffes „Ich tanze nur mit Määte“ entgegenschleuderte beim einzigen Tanztee meines ganzen unwürdigen Lebens.

    Aus Herrn Uwe spricht ein begnadeter Dichter, der es vermag alle menschlichen Sinne, Triebe und Gefühle in einem einzigen Satz zu vereinen. Wahrhaft große Poesie! Chapeau!!!

  7. Der Neo-Bazi bezeichnet Uwe als ‚begnadeten Dichter‘ und mich als ‚großen Meister‘. Das finde ich, Uwe verzeih mir bitte, nun doch übertrieben.

    Wenn aber der Neo-Bazi darauf beharren sollte, würde ich meinerseits darauf bestehen, ihn aufgrund seines für alle einsichtigen dichterischen Werks, zum ‚Titan‘ oder ‚Fürst‘ der deutschen Sprache zu erheben.

    Vielleicht kommen wir Drei, darf ich das so sagen, zu nächtlicher Stunde mal auf einen gemeinsamen Nenner, wenn der Neo-Bazi uns verrät, welchen Rotwein er trinkt.

    Das scheint mir ein kostbarer Tropfen zu sein!

  8. Jetzt hab ich begriffen, worum’s geht, Opa! :) Und ich wäre schwer dafür, wenn wir beide Deine oder gar Euer aller Memoiren noch veröffentlicht erleben werden. Bei mir lasse ich mir noch ne Weile Zeit. Noch eilt mich dahingehend nix. :)

  9. off topic:

    Lieber Herr Wüstenfloh,

    rotzfrech, wie ich bin, habe ich mir gestern (ohne zu fragen) erlaubt, Ihre „human clock“ abzukupfern und bei Herrn Fellow Passenger zu verlinken.

    Heute muß ich nun feststellen, the clock is retarding half an hour. Ist das als gerechte Strafe für den Diebstahl anzusehen oder können Sie mir irgendwie weiterhelfen?

  10. Moinmoin auch,
    die witzige Uhr habe ich von Lisaneun geklaut und bei mir geht sie ziemlich genau. Ich hab keine Ahnung, wo man die fehlende halbe Stunde suchen soll…

  11. Ihr lieben Rheumakranken und Apothekengänger,
    ist es Zufall oder gar Absicht, dass diese Einträge erfolgt sind an einem Tag, an dem große Teile des Rheinlands nicht in Erinnerungen geschwelgt sondern aktiv welche produziert haben? Kostbarer Rotwein kommt dabei übrigens eher selten zum Einsatz, aber sehr wohl Paracetamol. Und auch der Herr Bismarck bringt sich in Form eines The-day-after-Herings mit ein.

  12. Sehr geschätzter und geehrter Herr Fellowpassenger, Ihr Interesse an dieser Petitesse aus meinem Leben erfüllt mich mit Freude und Stolz, erstens weil Sie es sind, der das Lob zollt und zweitens, weil die junge Pflanze dichterischen Schaffens der Düngung bedarf.

    Gleichwohl gebietet es die Fairness, die Hoffnung auf weitere Äußerungen aus meinem Leben nicht übermäßig zu schüren.

    Man kennt doch die jammervolle Gestalt des Literaten der sich berufen fühlt, aber sein ganzes Leben bei dem ersten Satz hängen bleibt.

    Jetzt aber im Ernst: Dies hier wird bestimmt interessant.

  13. Das Wort zum Montag! Sehr schön formuliert. Gewissermaßem von höherer Warte aus und nachsichtig gegenüber dem eitlen menschlichen Treiben. Dass man nicht in Erinnerungen schwelgt, sondern Erinnerungen produziert(!) ist besonders hübsch!

  14. Auch wenn Paracetamol der Grippe vermutlich kaum Einhalt zu gebieten vermochte, mein sehr verehrter Herr Wüstenfloh,

    schätze ich mich glücklich, schon heute einen Ausschnitt Ihrer zweifellos bewegenden Autobiographie goutieren zu können und sehe erwartungsfroh dem Tag entgegen, an dem Sie das gesamte Werk der Öffentlichkeit zugänglich machen werden.

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